Samstag, 29.8.92, 14.Tag
Wilderness Walks: Wanderung von Shenavall zur Carnmore-Cottage
- 8:00 Die anderen Hüttenbewohner werden aktiv. Im Nebenzimmer
werden Schinken und Würste gebraten. Das reißt uns aus dem Schlaf. Wir
stehen auf, spülen, kochen Milch für Müsli und machen Kaffee. Es nieselt
ein wenig, und die Sonne schaut ab und zu durch die Wolken. Der Erlanger
steht auch auf und macht sich Frühstück.
- 10:15 Die Schotten sind alle weg, unterwegs ins An Teallach-Massiv.
Der Erlanger packt seine Sachen und will auch weg in Richtung Dundonell.
Gegen 11:00 marschiert er los. Wir hängen noch ein paar feuchte Sachen in
den Wind. Ziel des Tages ist die Carnmore-Hütte im nächsten Tal, acht bis
zehn Kilometer entfernt mit über 500 Metern Höhenunterschied. Eigentlich
Schade, denn in Shenavall hätte man ein paar Tage bleiben müssen, um auf die
umliegenden Berge zu steigen und die Landschaft zu genießen. Aber die
Vorräte sind begrenzt, und wir haben für die gesamte Tour nur fünf Tage bei
der Polizei gemeldet.
Ich schnüre meinen Schuh auseinander, und siehe da, die Sohle sitzt etwas
schief, aber sie hält. Sie hielt auch die nächsten zwei Wochen ohne
Probleme.
Mittlerweile regnet es nicht mehr, die Sonne schaut ab und zu 'raus, und
der Wind ist nicht mehr allzu stark. Wir packen unsere Sachen zusammen,
räumen in der Hütte etwas auf, machen unseren Eintrag ins Hüttenbuch und
verlassen Shenavall.
- 13:00 Erstes Ziel ist die Jagdhütte auf der anderen Seite des Tals,
jenseits der beiden Flüsse. Letztere haben etwas Hochwasser, mit
Stein-zu-Stein-Hüpfen kommt man nicht rüber. Aber damit hatten wir eh
gerechnet und sind in Shorts, T-Shirt und Badesandalen losgelaufen. Es
folgen etwa sechs (6!) Flußdurchquerungen durch teilweise mehr als
knietiefes Wasser bei ganz beachtlicher Strömung und sumpfigen Ufern, weil
wir alle Mäander erwischen und diese auf der Karte nicht so genau
eingezeichnet sind. Trotzdem geht keiner baden. Um uns rum glotzen uns ein
paar verwilderte Kühe dumm an. Nach über einer Stunde sind wir drüben, aber
immer noch ist die Wiese ein einziges, von Kühen zertrampeltes Schlammloch.
Erst ein gutes Stück flußaufwärts finden wir den Pfad wieder. Inzwischen
haben wir festes Schuhwerk angelegt, und endlich wird der Pfad mit
brauchbarem Tempo begehbar. Wir laufen in einen Taleinschnitt, dann weg vom
Fluß. Nun beginnt ein steiler, anstrengender Aufstieg auf rund 530 Meter
Höhe. Wir sehen noch einen Adler, der Blick zurück aus mehreren hundert
Metern Höhe offenbart ein Bergpanorama mit herrlicher Kulisse. Neben uns
ragt ein 700 Meter hoher Felsen in die Höhe. Wir machen mehrere kurze
Verschnaufpausen, dann haben wir die maximale Höhe erreicht. Oben ist es
relativ flach, auf dem Pfad steht hier und da das Wasser und Schlamm. Auf
dem Plateau gibt es ein paar kleine Seen, sonst ist es recht flach und
langweilig.
- 17:00 Wir erreichen einen See mit Sandstrand und machen
dort kurz Pause. Dies war ein taktischer Fehler, wir kühlen in unseren
kurzen Kleidern schnell aus.
Vor dem Abstieg ins nächste Tal ziehen wir die
langen Sachen an, und Claus ersetzt einen gerissenen Schnürsenkel. Kurz
hinter dem See fällt der Weg neben einem Bach steil den Hang ab und
offenbart einen fantastischen Blick auf Dubh Loch und Fionn Loch (welche nur
durch einen Damm getrennt sind) und die sie einschließenden, steilen Berge
mit ihren unzähligen kleinen Bächen. Und dies aus über 400 Metern Höhe! In
Richtung Westen erblicken wir unzählige kleine Seen, und der schimmernde
Streifen ganz weit weg ist vermutlich der Atlantik.
Beim weiteren Abstieg erspähen wir noch drei Steinböcke, die mißtrauisch in
unsere Richtung schauen. Im weiteren Verlauf kann man das Tal entlang sehen
und kann mehrere Gebirgsketten und Seen in Richtung Westen erkennen. Dann
kommt auch das Dach der Carnmore-Hütte in Sicht. Die vermeintliche Hütte
entpuppt sich als nobles Jagdhaus, und die Schutzhütte ist ein paar hundert
Meter weiter, ein ehemaliger Stall, aber immerhin Steinwände, ein neues Dach
und Türen.
- 18:00 Wir betreten die Carnmore-Hütte. Drinnen sind zwei Karlsruher
Studentinnen, Maja und Uli (Physik und Meteorologie), die heute in zehn
Stunden aus Kinlochewe gekommen und um 4:00 aufgestanden sind. Der Boden
ist etwas staubig und uneben, aber hier läßt es sich aushalten. Die beiden
Mädels haben auch einen Velbinger dabei. Wir packen den Kocher aus, machen
Tee, kochen Reis und Soße, verdrücken ein paar Süßigkeiten und unterhalten
uns. Wir legen noch die Bodenfolie unseres Zeltes aus, damit die
Schlafsäcke nicht verstauben, gegen 22:30 legen wir uns schlafen. Die
Mädchen wollen recht früh weiterlaufen, wir werden den Morgen wie immer
locker angehen. Die Nacht ist klar und kalt, am frühen Morgen weckt mich
der auf's Dach prasselnde Regen kurz auf.