Freitag, 28.8.92, 13.Tag
Wilderness Walks: Shenavall-Cottage am An Teallach-Massiv
- 9:00 Aufstehen. Es nieselt ein wenig, ein paar Mücken schwirren
'rum. Wir gehen den Hang 'runter, wo der Bach einen Wasserfall hinabstürzt,
und machen ein paar Fotos. Das Frühstück lassen wir ausfallen.
- 9:45 Abmarsch, weiter den Rovertrack entlang. Es fängt bald an zu
regnen. Weil gestern die Klamottem unter den Ponchos so naßgeschwitzt waren
(und sie immer noch feucht sind), ziehen wir die Ponchos nicht an. Es geht
eine Weile am Fluß entlang, dann verlassen wir den Rovertrack, überqueren
einen Fluß, und sind wieder auf einem verschlammten, überschwemmten Pfad
unterwegs. Ab und zu ist im Gelände ein Steinhaufen aufgeschichtet, an dem
man erkennen kann, daß man noch dem Pfad und keinem Wasserlauf folgt.
Rechts von uns muß sich das An Teallach-Massiv auftürmen. Doch leider
hängen schon am ersten Hang die Wolken, und statt Fernsicht sehen wir nur
von Windböen gejagten Regen. Trotzdem hat die Landschaft etwas reizvolles,
so zwischen Hügeln und auf steinigen Kämmen, mit gelegentlich über den Weg
laufenden Bächen.
Es kommen uns insgesamt sechs Leute entgegen, allesamt deutschsprachig, wie
wir erst später erfahren. Sie gingen die Tour, wie sie im Reiseführer
vorgeschlagen ist, in Süd-Nord-Richtung, wir gehen sie in Gegenrichtung.
Chris rutscht aus und landet bäuchlings im Schlamm. Wenigstens war er
schon vorher naß. Es kommt ein scharfer, kalter Wind auf, die Finger
frieren steif. Allmählich wird es wirklich etwas unangenehm in der nassen
Kleidung.
Ein paar Schlammfelder weiter fällt das Gelände steil ab, und wir steigen
neben einem tosenden Bach in einem Einschnitt in ein weites, von steil
emprorragenden Bergen umgebenes Tal mit zwei Flüssen, die zur rechten Hand
in einen See münden, ab.
Am Fuß des Berges, von dem wir kommen, finden
wir auch planmäßig die Shenavall-Hütte. Die Landschaft ist in der
Hauptsache mit Heidekraut bewachsen, entlang eines Bachlaufs stehen Binsen,
unten an den Flüssen stehen einige mickrige Stechginster-Büsche, um die
Hütte stehen zwei Bäume, unten am Fluß noch einige mehr. Etwas weiter
abwärts sind einige Steinmauern, vermutlich waren dies mal Stallungen.
- 12:00 Wir erreichen die Shenavall-Hütte. Hierbei handelt es sich um
eine Schutzhütte für Bergwanderer, die die British Mountain Association
erbaut hat. Das recht große Steingebäude hat sieben Räume in zwei
Stockwerken, zwei offene Kamine und ein paar Sitzgelegenheiten. Sie kann
von jedem benutzt werden, der vorbeikommt und einen Schlafplatz braucht.
Wir gehen rein und treffen einen Erlanger Medizinstudenten an, der
ebenfalls mit Velbinger-Reiseführer unterwegs ist. Als erstes spannen wir
eine Schur durch einen der Räume und werden unsere nassen Sachen los. Dann
nehmen wir einen Raum im oberen Stockwerk in Beschlag und packen erst mal
den Kocher aus und machen heißen Tee und heiße Suppe und futtern Müsli. In
der Hütte finden sich ein paar Hüttenbücher, in denen Reisende ein paar
Worte hinterlassen haben. Nach Studium der Bücher steht fest: achtzig
Prozent der Besucher sind Deutsche, fast alle mit Velbinger-Reiseführer.
Wir erklären die Hütte sogleich zum Franz-Rappel-Fanclub (Autor des Velbingers, der unter anderm folgendes über diese Route
schreibt: "Die folgenden Trips gehören zu den abenteuerlichsten in ganz
Schottland! Wanderungen, die durch das größte menschenleere Gebiet von
Großbritannien führen, - vorbei an einsamen Glens, quer durch die Wildnis
durch ein einsame Moore. Weit und breit keine Spuren von Zivilisation,
Herden von Hirschen schauen einem verdutzt nach, und Wildbäche müssen durch
Hüpfen von Stein zu Stein überquert werden, - während oben die Adler ihre
Kreise ziehen...").
Leider ist das Brennholz alle, und bis auf ein paar junger Bäume an den
Flüssen und zweier Ebereschen vor der Hütte ist nichts in Sicht. Eine Notiz
in der Hütte sagt, im Tal zwischen beiden Flüssen könne man Holz finden.
Das ist aber zu weit weg, außerdem regnet es und die Flüsse haben
Hochwasser.
Ich entdecke, daß sich an meinem Wanderstiefel die Sohle löst. Zum Glück
hat Chris in Ullapool einen Spezialkleber für sowas gekauft, weil ein Stück
von seiner Sohle abgerissen ist. Ich klebe die Sohle an und verschnüre den
Schuh mangels Schraubstock mit einer ganzen Rolle Paketschnur. Hoffentlich
hält's bis morgen, sonst geht die Wanderung in Halbschuhen weiter.
- 15:00 Der Regen hört auf. Claus und der Erlanger laufen das Tal runter
Richtung See, ich ziehe mir meine kurze Hose und die Badesandalen an und
stapfe durch die voll Wasser stehenden Moorwiesen flußaufwärts, um Holz zu
suchen. Ich entdecke einige Büsche Krüppelwacholder mit trockenen Ästen.
Dann kehre ich zur Hütte zurück. Als Claus zurück ist, sägen wir noch mit
der Säge aus der Hütte einige tote Äste aus der Eberesche, und gehen dann
noch ein paar Krüppelwacholder und trockene Heidekrautstümpfe sammeln.
Gegen Abend kommen Rehe. Es sind nur eine Handvoll, aber sie trauen sich
ungewöhnlich nahe an uns ran, so bis auf fünf Meter. Man hätte sie mit dem
Klappspaten erlegen können.
Mit der einsetzenden Dämmerung kommen zwei Schotten, die das Wochende zum
Hill-Walking nutzen wollen, und richten sich in einem Zimmer ein. Doch
damit nicht genug, als nächstes kommt eine Gruppe von sieben Bergsteigern
und verteilt sich in der Hütte. Gegen 23:00 sind wir 17 Leute in der Hütte,
und außer den vier Deutschen alles Schotten!
Draußen im Dunkeln stehen die Rehe dutzendweise und grasen. Wohin man auch
leuchtet, es leuchten Augen zurück. Drinnen machen wir Feuer im Kamin,
unterhalten uns mit ein paar der Schotten, futtern Kekse und trinken Scotch,
den die Schotten mitgebracht haben. Um Mitternacht ist es sternenklar, man
kann die Milchstraße sehen. So gegen 1:00 morgens gehen wir schlafen,
diesmal nicht im Zelt, sondern in der Hütte - welch Feeling!