Dienstag, 8.9.92, 24.Tag
Auf- und Abstieg zur Slieve League und eine Nacht im Carrick Hostel
- 9:00 Aufstehen, wir zelebrieren das rituelle Müslifrühstück.
Chris findet beim Erledigen dringender Geschäfte einen guterhaltenen
Schafschädel im Gebüsch, doch aus Platzgründen mußten wir ihn
dortlassen.
- 10:30 Wir ziehen los, ein Stück den Hügel 'runter. Der Amerikaner ist
gerade nicht da, so stellen wir die Rucksäcke um die Ecke hinters Haus und
legen einen Poncho als Nässeschutz 'drüber. Nur mit Feldflasche, Kamera und
einem Poncho bewaffnet ziehen wir los, bergauf Richtung
Slieve League.
Der Weg führt am Hang entlang, durch Heidekraut und mooriges Gelände. Ein
paar Flüsse kreuzen den Weg, wir fühlen uns fast wie in Schottland. Schafe
in Massen haben sich darauf verteilt. Je höher wir kommen, desto besser
wird die Aussicht auf die Bucht von Carrick und auf's Meer. Irgendwann wird
der Rovertrack zum Trampelpfad und dann zur unvermeidlichen Schlamm- und
Pfützenstrecke auf Torfboden. Ein paar Leute kommen uns von oben
entgegen.
Oben angekommen, finden wir uns in merkwürdiger Umgebung wieder: der etwa
fünfzig Meter breite Hang ist sanft abgerundet wie ein Hügelgipfel und total
ohne Planzen und Erde, scharfe Steinplatten und Steine ragen aus dem Boden,
aber nicht als loses Geröll, alles steckt im Boden fest. Dazwischen
befinden sich eine Handvoll Torfstreifen, einen Meter hoch und zehn Meter
lang, sie sehen aus wie Inselchen in einem Fluß, obendrauf wächst Gras, an
den Seiten sind sie wie von Wassermassen abgeschwemmt.
Auf der gegenüberliegenden Seite geht es recht steil 'runter. Wir haben
einen phantasischen Weitblick, jede Menge Seen, einige Hügel, Häuser als
winzige Punkte, man sieht hundert Kilometer oder mehr ins Land, und die
Sonne scheint. Wir laufen zunächst in Richtung des Gipfels, wo auch ein
Steinhaufen liegt, der die Spitze markiert. Kaum sind wir dort, hüllen
Wolken den Berg ein. Die Sicht schrumpft plötzlich auf unter fünfzig Meter.
Wir ärgern uns erstmal und hoffen, daß die Wolken verschwinden, bis wir auf
dem schmalen und gefährlichen Pfad über der Klippenkante sind.
Beim Gang über den Hügel in Richtung Klippe markieren wir noch die Stelle,
an der der Pfad den Hang 'runtergeht, für den Fall, daß der Nebel noch
dichter wird. Auf's Meer zu steigt der Hügel noch etwas an, und plötzlich
liegen große Felsklumpen auf dem Boden, wir müssen schon vorsichtiger gehen.
Der Nebel wird noch etwas dichter. Dann kommen wir an seltsamen Steinhaufen
vorbei: Kreise und Halbkreise aus übereinandergeschichteten Steinen,
dutzendweise. Und ein schmaler, zwei Meter langer Steinhaufen mit einer
senkrecht stehenden Steinplatte mit eingraviertem Kreuz steht am Rand. Wir
rätseln, zu welchem Zweck sie errichtet wurden; später erfahren wir, da sich
hier Mönche vor ein paar hundert Jahren Steiniglus errichtet hatten und zum
Meditieren hierher kamen.
Nun fängt es an zu regnen, erst wenig, doch zusammen mit den aufkommenden
kräftigen Sturmböen schüttet es auch richtig vom Himmel. Während Christian
gegen seinen Poncho kämpft und versucht, auf dem Boden zu bleiben, setzen
wir uns in einen Steinkreis an eine windgeschützte Stelle und überlegen, was
wir tun sollen. Bei dem Wind und Nebel über die Klippe gehen scheint mehr
als leichtsinnig, und so kehren wir nach zehnminütugem Warten ohne
Wetterbesserung schweren Herzens um. Hundert Meter weiter unten scheint die
Sonne, nur der Hügelkamm ist in Wolken gehüllt. So ein Ärger!
- 14:00 Als wir unser Gepäck abholen, ist der Amerikaner zuhause. Er
lädt uns zu einer Tasse Tee und Keksen ein und bietet uns ein paar
Sitzplätze um seinen torfbeheizten Kamin an. Wir unterhalten uns eine ganze
Weile über alles Mögliche, von irischer Geschichte über Umweltprobleme bis
hin zu den Rostocker Krawallen, von denen wir aber auch nur die knappen
Artikel in den Zeitungen kennen. Ansonsten erfuhren wir, daß der Mann am
Rande der Rocky Mountains in Colorado wohnt, an einer Hochschule
Schuldirektoren ausbildet und jedes Jahr um diese Zeit hierherkommt. Wir
unterhalten uns noch über irische, amerikanische und deutsche Bildunssysteme
(wobei wir erfahren, daß irische Kinder in der Grundschule Englisch und
Gälisch lernen müssen).
Gegen 16:00 fährt er in den Ort, den Müll wegbringen. Hier muß man seine
Müllsäcke zur nächsten größeren Straße bringen, damit sie abgeholt werden.
Er setzt uns am Hostel ab, wir verabschieden uns und bekommen für fünf Pfund
pro Nase ein Zimmer im Hostel. Wir sind die einzigen Gäste, ab der zweiten
Septemberwoche nimmt der Tourismus in Irland und Schottland rapide ab.
Wir kaufen im Laden gegenüber ein, und kochen in der Küche des Hostels
Spaghetti Bolognese und ein paar Zutaten. Im Zimmer spannen wir erstmal
eine Wäscheleine und hängen die immer noch nassen Sachen zum Trocknen auf.
Chris hängt seine Euroschecks dazu. Die Etagenbetten sind selbstgebastelt
aus normalen Einzelbetten, wacklig, viel zu kurz und viel zu weich. Gegen
Mitternacht ziehe ich auf die Isomatte auf den Boden um und liege wesentlich
bequemer.