Mittwoch, 2.9.92, 18.Tag
Überfahrt von Stranraer nach Belfast: Willkommen in Irland
- 8:00 Aufstehen, umziehen, Rucksäcke neu sortieren und packen stehen am
Beginn dieses Tages. Die Fähre geht um 14:25 und nicht um 12:30, wie ich
dem Fahrplan für die Gegenrichtung versehentlich entnahm. Wir fahren nach
Stranraer und stellen das Auto auf einen öffentlichen, kostenlosen
Dauerparkplatz neben der Pier von P&O Ferries. Dann machen wir einen
Stadtbummel, essen Burger und Bratkartoffeln zu Mittag, kaufen Zeitungen und
Fährtickets. Die Überfahrt kostet mit dem Seacat-Katamaran achtzehn Pfund, mit
ISIC-Studentenausweis nur vierzehn Pfund (womit sich die Anschaffung des
Studentenausweises schon gelohnt hat).
- 14:00 Wir checken auf der Fähre ein, und müssen
durch recht scharfe Kontrollen: die Rucksäcke werden durchleuchtet, wir
müssen durch einen Metalldetektor laufen. Nordirland läßt grüßen. Das
Gepäck wird dann auf Gepäckwagen verladen, und wir werden per Bus zur Fähre
gefahren. Es handelt sich um eine relativ kleine Fähre, einen Katamaran,
der sowohl Fahrzeuge wie Passagiere transportiert und bis zu 47 Knoten
schnell fährt. An Bord gibt es die übliche Bar/Caféteria und einen großen
Raum mit recht gemütlichen Sitzen. Das Schiff fährt vollkommen computer-
und satellitengesteuert, auf der Brücke sind noch zwei Leute, die von Hand
das Andocken erledigen und ansonsten den Computer überwachen.
Rund eineinhalb Stunden später erreichen wir den Hafen
von Belfast. Von hier aus gesehen ist Belfast eine schmutzige
Insdustriestadt. Die Fähre fährt recht langsam in den langestreckten
Hafen ein, weil sonst die Bugwellen die anderen Schiffe kräftig schütteln
würden. Beim Verlassen der Fähre werden wir von Polizisten und Soldaten
penibel beäugt, die ihre Maschinenpistolen im Anschlag halten.
Im Fährgebäude besorge ich erstmal einen fotokopierten Stadtplan, dann
marschieren wir los Richtung TI in die Innenstadt. Hier präsentiert sich
die Stadt mit einer Mischung aus alten Gebäuden, neuen Einkaufszentren und
breiten Straßen. Beim TI angekommen, bekommen wir einen detaillierten
Stadtplan und eine Campingplatzliste von Nordirland. Für die Campingplätze
von Irland werden wir an das Irish Tourist Board ein paar Straßen weiter
verwiesen. Dort bekommen wir Material über irische Campingplätze und
Busverbindungen, sogar über nordirische Einrichtungen. Unser nächstes Ziel
ist Dundalk, eine Stadt südlich von Belfast, nicht weit hinter der Grenze in
Irland. Claus hat dort Bekannte, die aus dem Saarland stammen.
Wir wechseln noch ein paar englische Pfund in irische Pfund (da es nach
16:00 war, konnte man das nur noch zu Wucherkursen im Reisebüro machen.
Dieses verlangte allen Ernstes auch noch drei Pfund Gebühren für das
Einlösen von Euroschecks!)
Während wir durch die Stadt laufen und uns ein paar Ecken anschauen,
begegnen uns des öfteren die Panzerfahrzeuge der britischen Armee und der
nordirischen Polizei, die in großer Zahl durch die Stadt fahren. An der ein
oder anderen Ecken stehen Soldaten auch so 'rum und halten die Straße im
Auge.
In der Bankenstraße hängt alle paar Meter eine Kamera, die die Straße
entlangblickt, an den Laternen Schilder: 'Don't leave vehicles unattended!'
mit der Bedeutung, daß alleingelassene Fahrzeuge verdächtig sind und zum
Sprengplatz geschleppt werden. Um Gerichts- und Polizeigebäude sind hohe
Metallzäune und -wände aufgebaut, damit man sie nicht von der Straße aus
beschießen kann. Am Bahnhof steht ein Patrouillenfahrzeug und beobachtet
ein paar Kinder, die Müll verbrennen, mit Gewehren im Anschlag.
Wir fahren mit dem 18:05-Zug für 6.50 Pfund nach Dundalk. Außerhalb der
Stadt kriegen wir zum ersten Mal irische Landschaft zu Gesicht, geprägt
durch Weidebau und Viehzucht, das Land duch Mauern und Zäune in Weideflächen
aufgeteilt. Der Anblick wird schnell langweilig, von wegen grüne Insel.
Grasgrün.
- 19:40 Der Zug kommt in Dundalk an. Man wird beim
Verlassen der Bahnsteige nach Fahrkarten kontrolliert, auf Schwarzfahren
stehen 400 irische Pfund oder drei Monate Gefängnis als Strafe.
Grenzkontrollen gibt es keine, nichtmal ein Hinweis darauf, daß man die
Grenze überschritten hat.
Auf dem Weg ins Stadtzentrum kommen wir an der Harp-Brauerei vorbei, einer
der größeren irischen Brauereien. In der Stadt hat das TI schon zu, schöner
Mist. Wo campen? Der nächste Campingplatz liegt rund zehn Meilen
außerhalb, und Claus hat die Adresse der Bekanntschaft vergessen. Auch ein
Telefonbuch hilft nicht weiter, sie stehen nicht drin. Mit Hilfe eines Iren
schaffen wir es, die Telefonauskunft dazu zu überreden, die Adresse
'rauszurücken, obwohl die Leute sogar eine Geheimnummer haben. Doch die
Freude währt nur kurz - die Adresse liegt in einem Vorort meilenweit
außerhalb. Man sagt uns, es liege so drei Kilometer vom Stadtrand entfernt.
Wir marschieren los, inzwischen dämmert es. Nachdem wir Dundalk hinter uns
gelassen haben, sind links und rechts der Straße eingezäunte Weiden zu
sehen.
- 21:30 Wir erreichen eine Ansammlung Häuser, und ein Staßenschild
'Dundalk 3 1/2 Miles'. Wir fragen einen Passanten nach der Adresse der
Bekannten und erfahren, daß der gesuchte Ort noch mindestens drei Meilen
weiter draußen liegt. Jetzt ist es aber zu spät, die Entfernung noch zu
laufen, wir kämen zu sehr später Zeit unangekündigt an. Zum Glück gibt es
hier Bed and Breakfast. Wir klingeln an dem Haus, und bekommen ein Zimmer
mit Dusche zum Preis von zwölf Pfund pro Person. Wir schlafen zum ersten
mal seit zweieinhalb Wochen nicht im Schlafsack auf der Isomatte.