Auf dieser höchsten Erhebung weit und breit befindet sich ein Relais der Feuerwehr und Bergrettung. Solche Relais gibt es auf Korsika massenhaft; sie werden mit Solarenergie und Akkus betrieben und ermöglichen erst die Funk-Kommunikation auf der buckligen Insel.
Nach einiger Zeit holt uns unser Schatten in Form der französisch-englischen Gruppe ein, und natürlich ist die Blonde wieder am Quasseln. Ich weiß nicht mehr genau, wann wir den Spitznamen geprägt haben, aber spätestens ab dort nennen wir sie bloß noch "das Radio". Der Blonde war der Gruppe vorangeeilt und hielt bei unserer Ankunft sein Nickerchen unter dem Gipfelkreuz. Ein Paar (sic) Berliner machen das obligatorische Gipfelfoto von uns.
vlnr.: Markus, Christian und Thomas am Gipfelkreuz
Am Gipfelkreuz hisst Thomas eines seiner T-Shirts als Flagge; die dahinter steckende Symbolik ist die, daß es sich um ein Kurs-T-Shirt seines Erdkunde-Leistungskurses aus der Schulzeit handelt und er das Bild seinem damaligen Lehrer als Rätsel und Postkarte zugleich von zuhause aus zuschicken will. Mal sehen, ob er herausfindet, wer ihm das Bild zugespielt hat, und wo es aufgenommen wurde.
1 1/2 Stunden später steigen wir auf der anderen, etwas flacheren Seite des Incudine wieder einige hundert Meter ab bis zur ehemaligen (weil bis auf die Fundamente zerstörten) Refuge Pedinielli. Der Velbinger klärt uns hierzu auf, daß die Verwaltung des PNRC (Parc Naturel Régional de la Corse) die Hütte nicht mehr aufbaut, weil es "aufgrund gewisser soziologischer Eigenheiten der umliegenden Bevölkerung" keinen Sinn machen würde (sprich: sie würde wieder abgefackelt werden, warum auch immer).
Auf dem Weg zur Pedinielli-Hütte...
... und knapp unterhalb davon: ständige Landschaftswechsel machen
Korsika so reizvoll
Weil hier die nächste Quelle einige hundert Meter weit weg ist (und noch dazu 50Hm den Berg rauf), gehen wir noch eine halbe Stunde weiter bis zu einer Hängebrücke über einen Bach, wo jemand einen kleinen Verkaufsstand aufgeschlagen hat. Natürlich ist er teuer, und das Sortiment ist - vorsichtig ausgedrückt - sehr beschränkt (um nicht zu sagen: geradezu lächerlich klein). Hundert Meter weiter lassen wir uns nieder, und die Show beginnt.
Weiß der Teufel, was an Holzkohle so gut schmeckt
Wir kochen uns was zu essen (natürlich Reis), und kaum haben wir was auf dem Teller, kreuzt ein Rudel von genau 12 wilden Hausschweinen auf. Sie schnüffeln mit ihren steckdosenartigen Rüsseln in der Gegend rum, und ihnen kann natürlich nicht entgehen, daß wir da was Eßbares haben. Es gelingt uns jedoch leicht, die eigentlich schon etwas scheuen Tiere auf Distanz zu halten; enttäuscht über unsere ablehnende Haltung vergnügen sie sich an einer alten Feuerstelle einige Meter weiter. Man glaubt es kaum: sie kauen genüßlich die Holzkohle! Irgendwann haben sie auch davon genug und trotten zu einer etwa 50m entfernten matschigen Stelle, wo sie in der Gegend rumsauen. Schließlich sind sie weg - aber nicht lange, denn der Köter des Budenbesitzers nebst zwei Komplizen scheucht sie wieder auf, und zusammen treiben sie sie wieder in unsere Richtung. So geht das ungefähr vier Stunden lang: die Schweine verziehen sich, und die Tölen stöbern sie wieder auf. Um 18.00 haben wir die Faxen dick; wir gehen den etwa 1,5km und 150Hm weiten Weg zur ehemaligen Refuge Pedinielli zurück -- um dort vom Regen in die Traufe zu kommen!
Hier hat sich nämlich in der Zwischenzeit eine Halbhundertschaft Halbstarker (es scheint sich um eine oder zwei Schulklassen zu handeln, die Kids sind so 11-15 Jahre alt) niedergelassen (natürlich auf allen brauchbaren Zeltplätzen)! Wir ärgern uns gründlich, dann stellen wir unser Zelt auf eine ackerartige (na gut, halt nicht ganz ebene) Fläche. Ein gerade ankommender Italiener ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse scheint uns nach der Lösung für das Zwergenproblem zu fragen; auf Verdacht schicken wir ihn zu den Schweinen und haben ihm damit bestimmt einen Gefallen getan. Markus und Thomas gehen zur Quelle, um Wasser herzuschaffen.
Währenddessen kann ich beobachten, wie die Raubtierfütterung beginnt, und ich habe das zweifelhafte Vergnügen (während ich dies schreibe), Waggesknirpsen zuzuhören bei der Klärung der weltbewegenden Frage, ob man die Milch vom Gas holen muß oder nicht, bevor man den Flockenpüree einrührt. Die "Für"-Sprecher gewinnen. Ich bin mal gespannt, wieviel Abfall morgen hier rumliegen wird.
Dem Zauber nach, den die Zwerge veranstalten, sind sie heute höchstens fünf Kilometer gelaufen - in Turnschuhen und mit leichtem Gepäck; das heißt, die Bergwelt Korsikas wird sie nicht allzu lange ertragen müssen. Ich fühle mich ein bißchen wie Henry Wilt, der "Held" meiner Ferienlektüre, der der Ignoranz der Welt im Speziellen und der Menschheit im Allgemeinen den Kampf mit ungewöhnlichen Mitteln angesagt hat, und ertappe mich ehrlich bei Gedanken, wie ich denen die Hölle so heiß wie sie uns machen könnte. Das Zwergengeschrei hallt hundertfach von den umliegenden Bergen zurück; man glaubt kaum, wieviel die plärren müssen, um an ein Stück Schokolade zu kommen.
Als wir hier ankamen, meinte Thomas, daß jetzt eigentlich nur noch ein Flugzeug hier abstürzen müßte, und der Tag wäre perfekt. Gerade kommt eins vorbei, aber es bleibt lieber oben, als hier zwischen die Blagen zu fallen, und ich kann es ihm wirklich nicht übelnehmen. Ich beschließe, nächstes Jahr nach Mallorca zu fliegen, da ist es bestimmt ruhiger.
Bitte, lieber Leser, glaube mir, ich hätte lieber etwas vom Zauber der mich umgebenden Berge, vom Reiz der rasch abwechselnden Landschaft (von alpin bis mitteleuropäisch bewaldet) und vom Rot der im Westen untergehenden Abendsonne geschrieben, aber heute ist mir nicht mehr danach, und ich lege deprimiert den Schreibblock weg.
Hah! Nur, um ihn gegen 20.30 wieder in die Hand nehmen zu müssen, denn gerade beginnen die Blagen damit, Korsika in Brand zu stecken! Überall im Landesinnern ist offenes Feuer aus sehr gutem Grund streng tabu, und die belassen es nicht bei einem Lagerfeuer, es muß gleich mannshoch werden! Na, hoffentlich fangen sie nicht noch an, zu singen. Doch, sie tun's! Und legen Stämme auf, die wohl morgen noch glühen. Thomas und ich sind uns einig, daß uns nur die Sprachbarriere davon abhält, die Knirpse samt ihrer Aufsicht mal gründlich zusammenzustauchen, aber wenn man nicht mal die Sprache richtig spricht, macht man sich bei einer solchen Bande doch bloß lächerlich (schließlich waren wir auch mal jung). Wir sprechen mit einer Französin, die neben uns mit ihrer Familie zeltet, und sie ist genauso darüber erregt wie wir. Kraft ihrer Sprachfähigkeiten übernimmt sie den Part des Loswetterns, und das Feuer wird tatsächlich kleiner; der Funkenflug läßt nach.