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17. Tag

Wir stehen früh auf, so gegen 05.15, und machen zur Abwechselung mal den Krach, wenn andere schlafen wollen. Dachten wir jedenfalls, doch um diese Zeit oder kurz danach sind hier schon eine Menge Leute auf, die auch die Fähre kriegen wollen.

Der Weg dorthin läuft sich schneller, als ich gedacht habe, und so können wir schon um 07.00 sehen, wer unsere billigeren Plätze hat: ein Rieselrudel Kids umlagert die Laderampe. Als sich die Schotten öffnen, lassen wir sich die Blase erst mal an Bord drängeln und stehen erst auf, als es nötig ist. Obwohl wir die guten Tickets haben und der Zugang zu den einzelnen Bereichen am Anfang kontrolliert wird (und uns somit ein Platz sicher wäre), gehen wir erstmal an Deck, wo ich halb auf einer Bank liegend sogar einnicke - bis der Regen kommt und uns ins Innere treibt. Wir lassen uns nach nun schwieriger Platzsuche in unsere Komfort-Sessel fallen (es sind Pullman-Chairs). Das ganze nennt sich 1. Klasse und zeichnet sich dadurch aus, daß hier und nirgendwo sonst die Kinder Nachlauf spielen und in perfekter Kakophonie durcheinanderplärren, während im Bereich der 2. Klasse, wo alle Stühle besetzt sind, die müden Rucksackler schlafen und himmlische Ruhe herrscht; ich verfluche die SNCM. Außerdem ist hier das Buffet geschlossen, wie ich nach dem vergeblichen Versuch, zu schlafen, beim Auftreiben eines anregenden Getränks leider feststellen muß, und dort, wo wir jetzt mit den billigen Karten sitzen würden, ist es geöffnet.

Ich mache mich also auf den Weg dorthin, um mir eine Tasse Tee zu holen. Doch "thé" ist auf diesem Schiff eine unbekannte Substanz, und der "Café au lait", der mir stattdessen in einer Plastik-Suppenschale vorgesetzt wird, schmecht einfach greulich. Dafür schmecken die Chips, die ich dazuerwerbe, nach nichts. Mit Wehmut erinnere ich mich an die schottischen Fähren im letzten Urlaub mit prima Service, prima Tee, vielen Sorten Chips, viel Ruhe und freundlichem, mehrsprachigem Personal, daß man nicht auf Französisch anreden mußte, sondern konnte. Die SNCM hat es nicht mal nötig, die Sicherheits-Durchsagen in Englisch zu wiederholen. Zwar gibt es Labertafeln in Französisch und Englisch, aber wer nicht ahnt, daß "Brassière de Sauvetage" Rettungsweste heißen könnte, wird sie im Bedarfsfall auf diesem Schiff nicht finden, denn die Aufbewahrungsorte sind nicht mal mit Piktogrammen versehen, geschweige denn mehrsprachig beschriftet. Der miese Pott heißt übrigens "Esterel"; meide ihn wie die Pest, wenn Du kannst.

Mit einer schlappen Dreiviertelstunde Verspätung laufen wir gegen 14.00 in Nizza (Nice) ein, wo es zu unserer Freude gerade schifft, und das nicht bloß im Hafen. Wir laufen vom Alten Hafen aus über den Promenade des Anglais, die Strandpromenade, bis zum Zentrum und gehen dann zum Gare SNCF, dem Bahnhof, wo unser Zug um 20.20 abfahren wird. Die Auskunftei ist wohlorganisiert: man zieht eine Nummer und wartet, bis man per Display zu einem Beratungsschalter gepfiffen wird. Wir haben Billets de Séjour von Marseille nach Saarbrücken, und sowohl jemand vom Bahnhof Saarbrücken als auch der Mensch vom Reisebüro haben uns gesagt, daß es möglich sei, die Tickets unter Wahrung der 25% Ermäßigung auf Nizza umzuschreiben (natürlich gegen Zahlung der Differenz). Doch die Tussi am Schalter hält es bloß für nötig, uns immerfort auf Französisch und in recht gutem Englisch zu erklären, daß, wenn man mit dem Zug von Nizza nach Marseille fahren will, weil man ab dort ein Ticket hat, man einen Fahrschein von Nizza nach Marseille lösen muß. Ich kann mich wirklich nur mit Anstrengung soweit beherrschen, ihr nicht zu sagen, daß sie es nicht mit Vollidioten zu tun hat. Aber nach drei sprachlich einwandfreien Versuchen, ihr klarzumachen, was wir von ihr wollen (Thomas' Französisch und besonders mein Englisch sollten dafür wirklich gereicht haben), und dreimal "Non, ... bla bla bla ... Ticket de Nice à Marseille" ohne Hinweis darauf, ob man uns nun falsch informiert hat oder nicht, geben Thomas und ich entnervt auf. Immerhin, sie nimmt einen Eurocheque, ohne zu maulen. 142 FF weniger.

Nizza; ein Park an der Promenade des Anglais

Abgebrannt, wie wir sind, decken wir uns in einem Billig-Supermarkt mit Baguettes und Dosenwurst ein und halten ein lukullisches Mahl auf einer Bank an Straßenrand, Bleivergiftung inklusive. Anschließend laufen wir ein paar mal quer durch Nizza, eine Stadt, in der man es durchaus ein paar Stunden aushält, essen hier was, gucken da was, und besteigen so gegen 20.15 unseren Zug. Wir sitzen exakt im gleichen Abteil im gleichen Wagen wie bei der Hinfahrt!

Zwischendurch taucht ein französisches Ehepaar auf und macht sich mit der Bemerkung, sie hätten hier Plätze reserviert (haben sie nicht) und das sei Wagen Nº 121 (ist er nicht, es ist Wagen 112), breit, aber bald darauf verduften sie wieder. Sie haben ganz alleine herausgefunden, daß das hier kein Liegewagen und kein Schlafwagen ist; sie brabbeln die ganze Zeit was von "waggon lits". Ist halt doch nicht ganz so einfach mit den Kurswagen und den schwierigen Zahlen auf den Fahrscheinen. Außerdem werden niemals Abteilplätze in der Reihenfolge vergeben, in der sie die Plätze angeblich hatten; als alter Bahnhase bin ich mir da sicher.

Abgesehen von dem kleinen Störfall haben wir die ganze Nacht das Abteil für uns allein, das heißt, für jeden eine Ruhebank bestehend aus drei Sitzen. Dementsprechend gut schlafen wir bis auf zwei Störungen um 23.30 und 05.00: richtig, Fahrkartenkontrolle.

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