Für das Frühstück und den nächsten Tag kaufen wir im Laden ein, allerdings nicht viel, denn heute ist für uns die letzte Etappe angesagt. Wir haben beschlossen, in Vizzavona auszusteigen, weil wir erstens für unsere erste längere Bergtour eigentlich genug haben und weil wir zweitens den Rest unserer knapp bemessenen Zeit lieber damit zubringen wollen, noch etwas anderes als das Landesinnere zu sehen.
Die heutige Etappe ist sehr angenehm und überhaupt nicht anstrengend, außerdem gibt es reichlich Wasser. Mit kleinen Ausnahmen geht es nur bergab. Wir kommen durch viele Gebiete, in denen die alljährliche Plage Waldbrand gewütet hat, und als wir und nachmittags Vizzavona nähern, rieche ich es deutlich: Feuer. Man kann es auch sehen, wenn man in den Himmel guckt: das ist nicht der normale Gipfeldunst, denn der ist nicht gelb-grau. Durch meine Feststellung beunruhigt, ziehen Markus und Thomas im Schritt deutlich an, und ich schließe mich, so gut ich mit meinen etwas lädierten Füßen kann, dem Tempo an.
So sieht Korsika aus, wenn es gebrannt hat (der schwarze Strich ist ein Wasserschlauch)
Vizzavona erreichen wir gegen 14.45, allerdings nicht, indem wir der Ausschilderung oder unserer Karte folgen. Diese leiten einen um den ganzen Ort herum, und mein untrüglicher Ortssinn (Eigenlob) führt uns schnurstracks aus dem Wald zum Bahnhof.
Vizzavona ist ein fürchterlich verschlafenes Nest mitten im Nichts. Hier gibt es zwar "Hotels", aber nur Verkaufswagen mit lachhaftem Sortiment, und noch dazu teuer. Wir lösen am Bahnhof gleich unsere Tickets nach Corte (23 FF), der Zug fährt um 15.48. Beim Warten auf dem Bahnsteig treffen wir mit einer Menge Deutscher zusammen; später lernen wir sechs davon noch näher kennen. Wir erfahren von ihnen, daß es zwei Täler weiter brennt; für uns hat also keine Gefahr bestanden.
Eine Fahrt mit der transkorsischen Eisenbahn ist ein Erlebnis besonderer Art. Es handelt sich um eine Schmalspurbahn mit etwa 1m Spurweite, auf der recht moderne, aber auch recht alte Dieseltriebwagen fahren. Die Spurweite genau anzugeben, macht allerdings keinen Sinn, denn sie ist überall anders... die Gleise sind nämlich in einem wirklich miesen Zustand. Betrieben wird diese Bahn von der CFC (Chemins de Fer de la Corse). Für die vielleicht 30km nach Corte braucht die Bahn etwa eine Stunde; ich habe keinen Sitzplatz und muß mich gut festhalten, um nicht quer durch den Zug zu fliegen. Gepäck in die Gepäcknetze über den Sitzen zu legen, ist sinnlos. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auf dem Boden liegt, also legt man es lieber gleich dorthin.
Die Strecke windet sich durch enge, stark überhöhte Kurven, geht durch viele unglaublich knapp bemessene Tunnel und erklimmt beachtliche Steigungen. Während der Fahrt kann ich einen Waldbrand beobachten, dem wir, wie wir bald sehen werden, noch recht nahe kommen.
In Corte am Bahnhof rufe ich zuhause an. Ich kann mir denken, daß in den Nachrichtensendungen zuhause wegen des Sommerlochs die alljährlichen Waldbrände überall in der Welt gezeigt werden und will meine Eltern (und die der anderen) beruhigen. Tatsächlich war am Abend vorher mal wieder was zu sehen, und mein Anruf kam gerade zur rechten Zeit. Ich sage ihnen aber lieber nicht, daß ich aus meiner Telefonzelle heraus einen prima Blick auf einen Waldbrand habe, der bei Corte einen Berghang verwüstet und über dem sich die Löschflugzeuge und die Beobachtungshelikopter gerade in die Quere kommen.
Corte ist das Zentrum Inner-Korsikas und heimliche kulturelle Hauptstadt der Insel. Nicht, daß es mit seinen 5000 Einwohnern besonders groß wäre, nein, aber immerhin hat diese Stadt sogar eine eigene Universität! Außerdem war Corte während der 14 Jahre Unabhängigkeit von 1755 bis 1769 Hauptstadt Korsikas. Die Hauptattraktion der Stadt ist die mittelalterliche Zitadelle, die einzige im Landesinnern von Korsika. Corte ist ganz und gar auf den Tourismus eingerichtet: es gibt viele Übernachtungsmöglichkeiten, viele Banken und Campingplätze.
Wir traben vom Bahnhof aus in die Innenstadt, wo wir erst einmal unsere Vorräte ergänzen, denn irgend etwas müssen wir heute abend schließlich essen, und es soll ganz bestimmt kein Reis werden. Stattdessen wird es Tortellini mit Gemüsesoße und geriebenem Käse geben. Es tut gut, zur Abwechselung mal wieder größere Mengen Flüssigkeit mit inhärentem Geschmack zu trinken.
Von Rucksackkollegen kriegen wir den Tip, einen ruhigen, abgelegenen Campingplatz hinter der Zitadelle aufzusuchen. Wir teilen unser Wissen mit einer Gruppe von vier Mädchen und zwei Jungen, die wir am Place Paoli treffen und die wir schon vom Bahnhof in Vizzavona kennen. Sie kommen aus Franken irgendwo zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall, und schließen sich uns gleich an. Der Campingplatz "A la Ferme U Tavignanu" hält, was uns davon versprochen wurde: nichts außergewöhnliches, aber nicht teuer, schön ruhig, gute Plätze, gute Sanitäranlagen, viel Schatten.
Wir sind noch nicht lange da, als wir feststellen müssen, wie klein doch die Welt (mal wieder) ist: auf dem Platz gibt es doch tatsächlich nicht bloß Saarländer, nein, sie müssen auch noch ausgerechnet aus Landsweiler, bloß zwei Kilometer von meinem Zuhause entfernt, kommen! Ich kenne sie allerdings nicht, und wir lernen sie auch nicht richtig kennen, denn meinem (allerdings sehr oberflächlichen) Eindruck nach handelt sich um ziemliche Tranfunzeln, die immer entweder ungelegen (zum Essen) oder zu spät (zum Schlafengehen) kommen.
Den ganzen Abend über beobachte ich, wie die Löschflugzeuge vom Typ Canadair tief über unsere Köpfe hinweg das Feuer anfliegen. Nachts fliegen die Kisten nicht, dazu fehlt ihnen die technische Ausstattung. Bis zum Einbruch der Dunkelheit ist das Feuer jedenfalls noch nicht gelöscht, denn über dem Bergrücken, der die direkte Sicht vom Campingplatz aus versperrt, sieht man ein fahles Licht, und da es genau im Norden liegt, ist es nicht der Mond.
Wir sitzen den ganzen Abend mit den Franken zusammen. Sie haben eine Gitarre und zwei gleiche Liederbücher mitgebracht. Wir unterhalten uns über die beiden GR 20-Teile (sie sind den nördlichen Teil gegangen), und zwei von ihnen und Markus machen von der Gitarre reichlich Gebrauch, während die anderen dazu singen (und natürlich singen wir viiiiel besser als die Blagen!). Gegen Mitternacht (natürlich haben wir nicht so lange gesungen) beschließen wir den lustigen Abend und lassen uns von weit entferntem, polyphonem, ja fast schon a capella-haftem Gekläffe und Gejaule eines Dutzends Köter zwiebeln. Allerdings nicht lange, denn wir schlafen sehr schnell ein.