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1. Tag

Was macht man in Marseille um 05.15 in der Frühe, wenn es sogar noch dunkel ist? Nun, wir sortieren in unserem Gepäck herum, verteilen dies neu und verstauen das neu, stellen fest, daß niemand ein Wörterbuch dabei hat, und nachdem so die erste Viertelstunde rum ist, gehen wir zum Alten Hafen (Vieux Port). Dort liegt eine Menge von Yachten, und wir können auch beobachten, wie Fischer Vorbereitungen für den allmorgentlichen Verkauf von allem möglichen treffen, was einmal geschwommen ist.

[Das wär' ein Bild gewesen] Chris und Markus am Hafen

So gegen 08.00 machen wir den Fährhafen ausfindig, von dem aus unsrere Korsikafähre um 21.00 gehen wird. Thomas und ich radebrechen mit einer Frau am Informationsschalter der Fährgesellschaft SNCM Ferryterranée (Societé Nationale Maritime Corse Méditerranée), die selbstverständlich nur Französisch spricht, mit dem Ergebnis, daß wir unsere Rucksäcke als Handgepäck mit an Bord nehmen können und daß unsere Fähre an der Mole J1 anlegen wird. Sie sagt uns auch, wo wir die Karten herkriegen, aber so ganz verstehen wir das nicht.

Während sich Thomas und Markus auf die Suche nach dem Verkaufsschalter für die Tickets machen, lasse ich meine Blicke durch die Wartehalle schweifen. Beim Lesen eines Hinweisschildes lerne ich, daß es im Französischen nicht nur "verboten" (interdit) und "streng verboten" (strictement interdit), sondern auch noch "genaugenommen schon verboten, aber weil Du es bist und heute so schönes Wetter ist" (formellement interdit) gibt. Genauso halten es die Franzosen auch mit ihrem neuerdings geltenden Rauchverbot an öffentlichen Orten. Zu sagen, daß sie es schlicht ignorieren, wäre zu wenig; man kann fast sagen, daß sie es tolerieren, daß jemand versucht hat, ihnen die Gauloise zu vermiesen, ohne daß sie gleich wie wild um sich schlagen. Man hat schon den Eindruck, daß es eine "jetzt gerade"-Mentalität ist, die sie dazu bringt, vor der Nase von Aufsichtsbeamten die Feuerzeuge aufblitzen zu lassen.

Ich habe gerade meine Sozialstudien beendet, als Markus und Thomas wieder auftauchen. Sie haben die Tickets außerhalb des Gebäudes auf der anderen Straße im Büro der SNCM gekauft; die Fahrt kostet uns drei insgesamt 1257 FF. Die billigsten Kabinen waren schon weg; das heißt aber nicht, daß man die nächsthöhere Kategorie zum gleichen Preis bekommt, das heißt schlicht, daß man Pech gehabt hat.

Weil es wohl kaum angebracht ist, in einem zugequalmten Warteraum stundenlang rumzusitzen, machen wir uns auf die Socken. Schließlich sind wir in Marseille, wo noch niemand von uns war, und zu sehen gibt es in dieser Stadt für einen Tag allemal genug. So 6-8 km kommen dabei schon zustande, bis wir gegen 20.00 zum Fährhafen zurückkehren. Unser Gepäck tragen wir dabei mit uns rum, denn Schließfächer kosten ordentlich Geld, und sie sehen nicht sehr vertrauenerweckend aus. Währenddessen hat Thomas noch die gute Idee in die Tat umgesetzt, ein kleines Wörterbuch (Dictionnaire) zu erwerben. Aus Langeweile packe ich noch den kleinen Schraubenzieher aus, den ich für die Bügel meiner Brille mitgenommen habe, und schaffe es damit, den Wecker zu flicken (war bloß eine Kontaktfeder verbogen).

[Das wär' ihr Preis gewesen!] Einfahrt zum Alten Hafen von Marseille

Um 20.10 schiffen wir uns dann ein. Das heißt, wir versuchen es. Leider haben wir vergessen (bzw. es nicht geschnallt), unsere Tickets an einem anderen Schalter mit Bordkarten zu vertauschen. Wir holen das nach und stellen uns von neuem an.

Auf der Bordkarte ist für jeden Kabinenpassagier ein eigener vierstelliger Zahlencode vermerkt, der seine Kabinentür öffnet; scheinbar registriert ein Computer genau, wer wann welche Kabinentür geöffnet hat, was mir auch sinnvoll scheint, denn mitunter teilt man eine solche Kabine mit wildfremden Menschen und hat sein ganzes Gepäck drin.

Wir haben eine Viererkabine für uns allein. Sie enthält einen Schrank mit kratzigen Wolldecken und zwei Leitern zu den zwei Etagenbetten, und - Luxus! - ein Waschbecken. Dieses Waschbecken ist der Unterschied zur niedrigsten Kategorie und kostet uns etwa 20 FF. Niemand von uns nimmt die kratzigen Wolldecken - wir bevorzugen unsere Schlafsäcke. Vorher machen wir aber noch unsere Runde durch das Schiff und halten uns während dem Ablegen mit bloß 20 Minuten Verspätung an Deck auf.

[Das wär' ein Bild gewesen] Eine Fähre (nicht unsere) im Hafen von Marseille

Wie von den Franzosen nicht anders zu erwarten, sind alle Hinweise und Ansagen (Ausnahme: Rettungstafeln frz./engl.) ausschließlich in französischer Sprache gehalten. Aber das raubt mir nicht den Schlaf.

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